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Wiedergefunden

"Expressed in broad terms, the content of a liberal democratic conception of justice has three main elements: a list of equal basic rights and liberties, a priority for these freedoms, and an assurance that all members have adequate all-purpose means to make use of these rights and liberties." (John Rawls, Lectures on the History of Political Philosophy, p. 12)

- Sicherlich sehr Rawls-freundlich, aber eine gute Aufbaudefinition. (Nota bene: Rawls spricht nur eine Seite weiter von den "libertarians". Er will an dieser Stelle noch nicht gegen sie argumentieren, sondern nur gegen sie definieren. Ob dieser Unterschied wichtig ist: eine andere Frage)

Identifizierendes Denken

Wie leicht, wie schön gesagt: "Identifizierendes Denken".
Da möchte jeder, der sich schwer fühlt, leicht gegen andenken und sagen: Qual, Dunkelheit, Tod.
Unser Denken ist nicht losgelöst vom Ballast, den wir tragen oder abgeworfen haben.

Vorne und hinten

Eine wesentliche Frage ist die nach Hintergrundgerechtigkeit. Oder umformuliert: Gibt es ein richtiges Leben im Falschen?
Müssen wir alles aufgeben, auf den Verdacht hin, dass die Grundlage unseres Lebens unmoralisch ist? Kann dies ein sinnvolle Fragestellung sein? Doch was ist ein gutes Argument gegen ethischen Rigorismus?
- Fragenkaskade.

Mißverständnis

Aus einem alten Text:
"es gibt noch ein letztes rätsel, das es zu lösen gilt. der brandrodenden maschine, deren lauf wir nicht zu folgen gedenken, schreibe ich das wort 'askese' ein. verzicht ist jene form von verpflichtung, die wir von ganzer seele absparen, einem echten werte gleich: wir widmen uns, nicht dem licht - das sehen wir zwar, aber tragen es - mit trauer zugrunde, der dunkelheit zu; nicht der höhe, der tiefe wenden wir uns zu. dies ist, was nietzsche nicht begriffen hat"

Nun, was hat Nietzsche nicht begriffen? Dass die Philosophie möglicherweise kein Prozess ist, der über den Menschen hinaus oder von ihm weg führt; sondern er führt jeden zum Menschen zurück: wie im Höhlengleichnis. Merkwürdig verbunden ist das ganzer mit kantischer Pflichethik: nicht nur selber zu denken; und christlicher Nächstenliebe: sich den Schwächsten, Untersten zuzugreifen. Oder um es mit einem anderen Text zu formulieren:

"Die, welche lieben, gleich was, aber dieses eine ganz, die wissen: Abneigen darf jeder, hassen keiner".

Was ist die Maschine, "der wir nicht folgen"? Bedeutet die Unlösbarkeit moderner Fragen, dass wir uns tatsächlich in "Askese", als letzten Ausweg flüchten müssen? Das bezweifle ich. Askese ist der Ausweg der Armen, die ihre Armut annehmen, weil sie nicht mehr hoffen; es ist ihre Form von Anpassung.

Einsamkeit kultivieren

Kann man Einsamkeit kultivieren? Und wenn ja, wie? Und jene, welche über Einsamkeit schreiben: Erahnen sie nicht schon jenen Dritten, auf den sie all ihre Sorgen und Nöte werfen, mit dem in Gemeinschaft zu treten sie wünschen?

Einsamkeit ist mehr. Sie ist immer mehr. Einsamkeit ist jene Tragik, welche zu Teilen der Welt zugrunde liegt, und sie trägt, mitträgt, wir sind einsam in jedem Moment. Das ist pathetisch, aber wer mag angesichts jener Gefühle nicht ... nun ja, Mensch werden? (schon wieder Pathos). Angst habe ich mittlerweile nur vor jenen, denen ich nicht zutraue, Angst zu haben, Einsamkeit zu verspüren.

Selbstbehauptung

Gut, ich versuche den Faden wieder aufzunehmen. Zitieren wir mal eine 0815-brauchbare Allgemeintheorie zur Moderne:

Mit (1) der Aufklärung/der Moderne/der Popkultur/dem Niedergang der Religionen/durch die Globalisierung/das Zusammenbrechen der Klassenstruktur/die beginnende soziale Kälte hat der Mensch (2) seine Orientierung/seine Werte/Klarheit/Verbindlichkeit verloren.
(Einige der unter 1 genannten Beobachtungen können ebenfalls Folgen oder Effekte daraus sein, sodass wir in einem Zirkel landen). Das führt zum (3) einsamen Individuum/ (gesellschaftlicher, allgemeiner) Angst/ Isolierung/ Sehnsucht nach einem Verhältnis vor 1/ Diversifizierung/ Verlust aller Illusionen. Es kann jedoch auch (4) alles eine Chance sein/ neue Werte entstehen/ es ist alles ein Irrweg. Dazu passen die allgemeinen empirischen Beobachtungen, (5) schwindende Kirchenmitglieder/ Schnelllebigkeit/ Bedeutungsverlust von Politik, -gewinn von Wirtschaft/ technologische Revolution.

Nun gut, im Zusammenbasteln von (1)-(5), unter verschiedenen Namen, Begriffen und Blickwinkeln geben sich viele Theoretiker da reichlich Mühe; es folgen auch verschiedene politische Theorien daraus, die von Djihad bis Neoliberalismus reichen.
Hinter vielen Theorien indessen denke ich, eine "golden age"-Teleologie zu entdecken, ganz im Sinne einer Deszendenztheorie im Sinne der Antike (wir Deutschen können das besonders gut).

Ich möchte nur einzelne Details anmerken, welche mögliche Theorien ergänzen oder doch umlenken.

(1) Die angeblich beobachtete Rückwendung auf konservative Werte und Glauben bei den Jugendlichen. Nope. Aus Konfirmanden- und Jugendarbeit und vielen Gesprächen will ich sagen: Das ist eine Schimäre. Selbst jene, welche heute noch in die Kirche kommen, verbinden mit Kirche eher soziale Werte als solche des Glaubens. Und zum Konservativen: Ich denke, der Liberalismus der Jungen wurde bis dato alleinig überschätzt (sehr viel weiter als der der Eltern kann er auch nie reichen) und gehörig mit dem Verlangen nach Freizügigkeit verwechselt.

(2) Selbstbehauptung als das Beharren auf "Hartem", "Einheitlichem". Wie sehr wir auch einem "golden age" nachtrauern mögen - mit all den begleitenden Theorien des Kontrollverlustes, des Übersichtsverlustes, des Werteverlustes, des Verlustes schlechthin - wir unterliegen hier einem psychischen Bedürfnis nach Selbstbehauptung durch Härte, dem Nietzsche'schen "Willen zur Macht". Geschlossenheit (wie der Islam sie uns zu zeigen scheint, obwohl er selbst eigentlich keine Geschlossenheit besitzt), Konsequenz (wie der von manchen unterbewusst bewunderte islamistische Terror), Gemeinschaft (wie von weit-links wie von weit-rechts neu adoptiert) und "Anstand" (in seinem Extrem Uniformierung) sind Symbole eben dieses "Willens zur Macht". Haben wir (= die einzelnen Individuen, der "dritte Stand", wenn ich das mal so sagen will) denn geschichtlich an Macht verloren? Keineswegs! Demokratie, Dezentralismus, Liberalismus - sind eben gerade die Formen, allen gleiche Macht (theoretisch!) zu ermöglichen.

(3) Die Globalisierung. Ja, es gibt sie, und nein, es gibt sie nicht. Ulrich Beck hat hier sehr klug über die "Glokalisierung" gesprochen (muss ich bei Bedarf noch einmal lesen). Einfach alles betrifft uns, in Form der Globalisierung. Gleichzeitig ist sie kein "abstrakter Vorgang ohne Akteure". Auch hier schwebt in der Analyse wieder das Verlangen nach Griffigkeit (Begrifflichkeit) und Homogenität der "Globalisierung" mit. Es gibt noch immer die berühmte "Abstimmung mit den Füßen". Und es gibt viele Gesellschaften, die sich kollektiv verweigern (es gibt auch eine "deutsche Globalisierung").

(4) Das Netz. Das Netz ist letzten Endes noch immer WYSIWYG - es sind einfache Menschen mit einfachen Bedürfnissen, die ein komplexes Medium einfach zu nutzen wünschen. Der einzige Vorteil ist, dass das Internet im weitesten Sinne "Medium" ist; es erfüllt die Funktionen von Text, Kunstwerk, Rundfunk und Fernsehen in einem, das ist sein rein technischer Vorteil. Einen inneren Wert würde ich ihm soweit nicht zuordnen.

(5) Bullshit. So wichtig der Hinweis auf jene ist, deren "Bezug zur Wahrheit vollkommen abhanden gekommen ist" (so in etwa Frankfurt) und die klare und beeindruckende These "dass auch der Lügner sich noch in einem Bezugssystem zur Wahrheit verhält", übersieht, dass auch Bullshit habituiert. Solange der Bullshit (medial, kulturell, politisch) linear und nicht exponentiell wächst, sehe ich kein Problem. Davon abgesehen, dass wir es hier wohl mit zyklischen Angebots-Nachfrage-Kurven zu tun haben (oder gleich den Zyklen in biologischen Biosystemen).

So, das waren meine 5-Euro-Cents. (Vielleicht lese ich die Papstrede auch noch einmal. Das dritte, vierte Mal?)

Sehnsucht nach Selbstbehauptung


Jenseits der Grenze schießen sie schon, mit Gewehren und bei denen - das schwöre Gott - sind Gewehre nicht bloß Metaphern. Hier läuft alles banal, man will sagen: ohne großes Aufersehen. Dieser tut dies, jener jenes. Wir machen den Unterschied zwischen "hier" und "dort" aus lauter Gewohnheit. Ich könnte du sein, die Reichen sind keine echten Reichen mehr. Mutig werden Hypothesen aufgestellt, mutig sie gleich widerlegt, und das ist nur anmutiges Ballett, Kunstform, überhaupt ist der einfache Mann nur noch eine Metapher, die es "in echt" (auch das können wir nur sagen) gar nicht mehr gibt. Drüben werfen sie Bomben, sie wissen sogar, auf wen sie zu werfen haben, denn immer haben sie ein Ziel, sie sind noch nicht so weit, dass sie sich selbst umbringen (was für eine Erfindung). Die Gewehre sind aus Stahl. Wir liefern ihn, denn irgendwie müssen wir den Krieg von uns halten und sei es, wir liefern ihn. Lieferzeiten müssen eingehalten werden. Unser Leben ist nicht ganz langweilig. Wir können viel wählen und und im Allgemeinen werden wir von der Masse an Dingen so überrascht, dass wir uns fragen, ob es das Ding ohne Masse gibt. Aber sicher. Hundert Dinge finden wir ohne Masse. Das aber sind Fragen, die gegen den Wind angehen, und gegen den ruft man bekanntermaßen schlecht an. Ich habe ein Telephon und kann anrufen, die Nummern und die Sicherheit sind mir gegeben. In unserem Nachbarland herrscht Krieg. Diesem Wort sind sie noch ganz verfallen, "Krieg" lässt noch ihre Augen funkeln. Sie wissen tatsächlich nicht, wofür sie kämpfen, fragt man sie, haben sie Wörter, die aber nur Namen sind. In den Schützengräben vermag das keiner zu sagen. Wir wissen auch nicht, wofür wir kämpfen. Unsere Waffen sind schließlich andere. Immerhin verspüren wir ja auch keinen Hass mehr, oder wenigstens haben wir ihn verlagert, in günstigere Regionen. Wir sind auskratzbar, nur eine leichte Oberfläche des Seins, wir spüren keine Schmerzen mehr. (2002/3?)


Ein merkwürdiger Text, sehr ungeordnet. Im "wir" schwebt etwas latent Kommunistisches (!), Pathetisches, Herrisches mit, das mir den Text sehr verdirbt. Welche überzeichnete Kulturgrenze (sie - wir) hier gezeigt wird, bleibt mir schleierhaft - die Anderen sind wohl nur eine psychologische Metapher ("Metapher" ist auch ein Wort des Textes), eine Tautologie (die Anderen sind anders). Ich lese sehr viel Antimodernismus und allgemeinen ("allgemein" ist auch ein Wort des Textes, genauso wie "immer") Oppositionismus aus dem Text. Vielleicht schwingt ein wenig Adorno mit (vermassendes Denken etc.) Nun, aus rein dokumentarischen Gründen finde ich den Text sehr interessant, zeigt er doch eine unterdrückte Kriegsbegeisterung für offene Konfrontationen, die sehr männliche Neigung, sich in der Selbstbehauptung zu beweisen. "Sich behaupten" bildet dann auch wohl das Motto dieses Textes, das im Gegensatz zum weicheren (empfundenen) "ohne Aufersehen in großer Gesellschaft" leben verstanden wird. Angst vor Mangel an Individualität spielt auch wohl eine Rolle. Den gesamten Text habe ich übrigens wiederentdeckt, als ich diesen Aphorismus gelesen habe, denn sonst besitze ich wenig Vorliebe für Selbstquälerei mit alten Texten.

Virtuelle Dritte

Alles, was man in den Wörtern schreibt, bleibt im Kosmos doch geräuschlos. In der Geschichte ist das menschliche Wort nicht einmal ein leises Wispern. Man malt die Buchstaben hin, angestrengt, mit ganzem Ernst, aber eigentlich bezweckte Unernst das Gleiche. Es ist fast ein Vergehen, sich einen Dritten vorzustellen, der teilnimmt, liest, was du schreibst. Und wenn, bist du seine Zeit wert?